Digitaler Nachlass: Online-Konten, Passwörter und Rechte der Erben
Digitaler Nachlass: Online-Konten, Passwörter und Rechte der Erben
E-Mail-Konten, Social-Media-Profile, Cloud-Speicher, Kryptowährungen, Streaming-Abos, Online-Banking — der digitale Nachlass eines Verstorbenen umfasst heute oft dutzende Konten. Und die meisten Erben wissen nicht, dass sie nach deutschem Recht vollen Zugriff auf all diese Konten haben.
BGH-Grundsatzurteil: Digitaler Nachlass geht auf die Erben über
Der Bundesgerichtshof hat in seinem historischen Urteil (Az. III ZR 183/17) und dem nachfolgenden Vollstreckungsbeschluss (Az. III ZB 30/20) unmissverständlich entschieden: Der gesamte digitale Nachlass geht wie physische Briefe und Tagebücher im Wege der Gesamtrechtsnachfolge auf die Erben über.
Konkret bedeutet das:
- Erben haben Anspruch auf vollständigen Zugriff zum Benutzerkonto des Verstorbenen
- AGB-Klauseln, die Konten nach dem Tod automatisch in einen unzugänglichen "Gedenkzustand" versetzen, sind unwirksam
- Plattformbetreiber müssen Passwörter zurücksetzen und den Erben Zugang gewähren
- Das Fernmeldegeheimnis und der Datenschutz des Verstorbenen stehen den Erben nicht entgegen
Welche digitalen Vermögenswerte gehören zum Nachlass?
Konten mit finanziellem Wert:
- Online-Banking und Zahlungsdienste (PayPal, Klarna)
- Kryptowährungen (Bitcoin, Ethereum) — ohne die Private Keys oder Seed-Phrase ist das Guthaben verloren
- Domains und Webseiten
- Guthaben auf Handelsplattformen
Konten mit vertraglichem Wert:
- E-Mail-Postfächer
- Cloud-Speicher (Google Drive, iCloud, Dropbox)
- Streaming-Abos (Netflix, Spotify — laufende Kosten)
- Mobilfunkverträge
Social Media:
- Facebook, Instagram, X, LinkedIn, TikTok
- YouTube-Kanäle (können Werbeeinnahmen generieren)
So erhalten Erben Zugang
Schritt 1: Bestehende Passwörter sichern. Prüfen Sie sofort, ob ein Passwortmanager oder eine schriftliche Passwortliste existiert. Smartphone und Computer des Verstorbenen enthalten oft gespeicherte Zugangsdaten.
Schritt 2: Erbnachweis gegenüber Plattformen. Die meisten Plattformen haben Formulare für den Todesfall. Legen Sie Sterbeurkunde und Erbschein (oder eröffnetes Testament) vor. Bei ausländischen Plattformen wie Meta oder Google ist der Prozess oft langwierig — rechnen Sie mit Wochen.
Schritt 3: Verträge kündigen oder übertragen. Laufende Abonnements produzieren Kosten. Kündigen Sie Streaming-Dienste, Cloud-Speicher und Mobilfunkverträge unter Vorlage der Sterbeurkunde.
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Der effektivste Schutz ist eine vorbereitete digitale Nachlassliste mit allen Konten, Benutzernamen und Zugangsdaten — sicher verwahrt, aber für Vertrauenspersonen zugänglich. Ein Passwortmanager mit einer dokumentierten Master-Passwort-Übergabe löst die meisten Probleme.
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